Weg zum Selbst im Konzept von
G. H. Graber

Alfons Reiter

Zusammenfassung: Weg zum Selbst im Konzept von Gustav H. Graber
„Selbstwerdung“ ist uns aufgegeben. Die jeweilige kulturelle Sozialisation unterstützt oder erschwert diese. Östliche Erlösungswege faszinieren uns. Wir sollten uns aber auf dem Hinterrund unserer Sozialisation auf diesen Weg machen, weil erst die Transformierung dieses Hintergrundes uns den Weg zum Selbst freigibt.
Gustav H. Graber (1893-1982) zeigt einen Weg zum Selbst für den westlichen Menschen. Er meint ihn, über tiefenpsychologische Therapien gehen zu können. Es gelte das „unbewusste, vorgeburtliche Selbst“ zum „bewussten Selbst“ zu erwecken; d.h. es mit unseren psychischen Fähigkeiten ins Erleben und Erkennen zu bringen.

Die Verbindung zu unserem eigentlichen Selbst sei durch das Trauma der Geburt, dem markanten Wechsel der physischen wie psychischen Ökonomie, unterbrochen worden. Die Not des Lebens wecke unser Ich, das sich mit der Welt zu arrangieren trachtet. Daraus entwickelt sich unser Ichbewusstsein, das dem unbewussten Selbst nur oberflächlich aufliege aber von uns fälschlich als die eigentliche Identität betrachtet wird. Dazu Graber: „Sind die ambivalenten Ich-Kräfte wieder mit dem Urquell, dem unbewussten Selbst verbunden, geschieht das Wunder der großen Befreiung, der Aufhebung des Ichs, und es erwacht das Leben der einheitlichen Kraftströmung aus dem „bewussten Selbst“. „Selbstwerdung“ bedeutet hier nicht die Verleugnung der Welt, des Körpers und der Bewusstseinsfähigkeiten sondern das Erwachen des eigentlichen Selbst mit und in diesen.

 

Graber: „… auch der Westen hat seit Jahrzehnten einen Weg zum Selbst entdeckt. Unentwegte verfolgen ihn beharrlich. Und er ist nicht weniger gangbar als der östliche. Es ist der Weg, den die tiefenpsychologische Psychotherapie geht, der Weg zur Erforschung und Wandlung des Unbewussten, das in oberen Regionen ichhaft ist, auch sehr konfliktreich sein kann und seinen Träger nicht nur in Träumen, sondern auch im wachen Leben in fortgesetzte Schwierigkeiten bringt, das aber in der Tiefe das unbewusste Selbst, unser Ureigenstes, unseren seelischen Kern, birgt. „(Graber, Bd. I, S. 177)


Graber bekam zu dieser Sicht durch ein Wandlungserlebnis im Abschluß seiner ersten Analyse bei Dr. E. Schneider (1916/17) Zugang. Dieses löste eine tief greifende Wandlung aus, „daß ich sie als Erlösungs- und Glückseligkeitserlebnis und als den befreienden Wegfall von Ichstrebungen und Ichverhaftungen empfand und mich damit für lange Zeit allverbunden wie im Wesenhaften der Selbst-Verwirklichung erfuhr.“ (Graber, Bd. I, Vorwort). Diese Erfahrung bestimmte sein weiteres Leben und sein Werk.

Der Ruf aus dem eigentlichen Selbst – so Graber - ergehe an jeden Menschen in jeder Kultur. Die Wege dazu sind unterschiedlich, wie auch die Entfremdungen vom Selbst spezifische Sozialisationsergebnisse seien. Der Weg zum Selbst erfordere entsprechende Wege, wie sie bei uns dazu hervorgebracht werden. Dazu entwirft Graber Perspektiven.

Wenn wir von „Wegen zum Selbst“ sprechen, suggeriert dies, als wüssten wir bereits, was mit dem Ziel gemeint ist. Der Weg zum Selbst ist ein Entwicklungsweg, dieses zu werden: eine „Selbstverwirklichung“. Je mehr ich dieses geworden bin, schöpfe ich aus diesem Wissen. Wenn Menschen dieses Ziel verwirklicht haben, wie z.B. vom indischen Erleuchteten Maharshi angenommen wird (Zimmer, 1944, S. 173) ist „Selbst“ zu sein und es zu wissen ident: Wissen als Sein im Herzen selbst. Da dies aber aus einer für uns nicht nachvollziehbaren Bewusstheit gesagt wird, helfen uns diese Aussagen für unseren Weg zum Selbst nur begrenzt.

So sind Erkenntnisse von Menschen hilfreich, die auf dem Weg zum Selbst sind. Wir können teilnehmen an deren Erkenntnissen, aber auch an deren Scheitern, wo sie auf dem „Weg zum Selbst“ durch die eigenen Barrieren Irrwege gingen. In diesem Sinne ist der „Weg zum Selbst“ im Konzept von G. H. Graber eine der möglichen Annäherungen an das Selbst.

Kurzbiografie

Gustav Hans Graber (1893 - 1982) gehört zu den Pionieren der Psychoanalyse. Bestärkt durch die Erfahrungen, die er als Kinderpsychoanalytiker mit Kindern, ihren Fantasien und ihrer gesunden Entwicklung oder auch ihren neurotischen Störungen gesammelt hatte, vertrat er schon sehr früh die Überzeugung: Nicht nur die körperliche, sondern auch die psychische Entwicklung des Menschen ist von der Zeugung an über das intrauterin-Dasein, der Geburt und der nachgeburtliche Reifung bis hin zum Tode nur als unteilbare Ganzheit zu betrachten und zu verstehen.
Während nahezu 50 Jahren arbeitete er im Alleingang am Ausbau und der Vertiefung der Psychoanalyse durch die Integration des unbewussten Selbst, d.h. des vorgeburtlichen Seelenlebens, des Geburtstraumas, und deren eminenten Einflüsse auf das nachgeburtliche Trieb- und Seelenleben. Diese Idee mit all ihren Implikationen begleitete ihn durch sein ganzes Leben, wurde aber lange Zeit als exotisch und abstrus abgelehnt. Erst in späteren Jahren erlebte er Bestätigung durch Kollegen, die sich mit dem gleichen Gebiet befassten. (vgl. Eichenberger, 2005)

G. H. Graber wurde 1893 (Schweiz) geboren. Not, ärmliche Verhältnisse und Zwietracht zwischen den Eltern belasteten den kränklichen Jungen schon frühzeitig. Als er 15 war, beging sein Vater Selbstmord. Die Erfahrungen in seiner Kindheit blieben für ihn prägend. Er war nach innen gekehrt, zwiespältig in Beziehungen, sehr vorsichtig im Umgang mit Menschen.
1911 begann er eine Lehrerausbildung. Bei Ernst Schneider erfuhr er erstmals von der Psychoanalyse. Bei ihm absolvierte er 1916/17 seine erste Analyse, wo er im Anschluß daran das erwähnte Wandlungserlebnis hatte.

Es folgte 1918 der Einstieg ins Berufsleben als Lehrer und Wehrdienst, in dem er es zum Offizier brachte. Er absolvierte an der Universität in Bern das Studium Psychologie, Philosophie und Germanistik und schloss es 1923 mit einer psychoanalytischen Dissertation über „Die Ambivalenz des Kindes“ ab; erschienen 1924. Im gleichen Jahr veröffentliche O. Rank „Das Trauma der Geburt.“

Die Zeit des Studiums war für Graber eine Zeit der Identitätssuche. Geistige Vorbilder wurden Nietzsche, Dostojewskij, Goethe, Carus, Buddha und Hesse, mit dem er in Briefwechsel stand.
Eichenberger (2005): „Graber war ein Student, der bis zur Erschöpfung arbeitete und sich unheimlich viel Wissen aneignete, ein ruheloses, verzetteltes Multitalent mit einem ausgeprägten Sendungsbewusstsein. Anfangs war er noch als Lehrer und Musiker tätig, um sich die Mittel zum Studium zu beschaffen. Nach einer frühen und glücklosen Heirat - die Frau beschrieb er als „schön, klug und reich“ - erlitt er einen nervösen Zusammenbruch, zog sich ganz allein in eine primitive Berghütte zurück und rang mit sich selber.

In dieser Zeit sah er sich noch vorwiegend als Dichter. Die Dichtung „Ardschuna“, die gleichzeitig mit dem Epos „Der Schöpfer“ in diesem Jahr entstanden ist, lässt erahnen, welches seine Probleme waren. Er fühlte sich hin und her gerissen zwischen seinem ausgeprägten Ehrgeiz und seinem Bedürfnis nach Anklammerung, Verschmelzung und Erlösung vom Ich. ‚Damals glaubte ich noch, das unbewusste Selbst im Du zu finden. Später ersetzte ich das Du durch den Begriff des bewussten Selbst’ (mündliches Zitat) Was Graber nach Bewältigung dieser psychotischen Krise empfunden haben mag, hat Max Frisch in seinem Roman „Stiller“ treffend formuliert: Ich hatte die bestimmte Empfindung, jetzt erst geboren zu sein und fühlte mich mit Unbedingtheit bereit, niemand anders zu sein’. Graber kam durch dieses „Stirb und Werde“ zu sich selbst, konnte sich wieder in die menschliche Gemeinschaft einfügen und war in der Lage, mit Energie und Ausdauer sein Studium zu beenden.“(Eichenberger, 2005)

Die 30ger Jahre waren eine besonders fruchtbare Schaffensperiode. Er verfasste hunderte von längeren und kürzeren Rezensionen literarischer, psychologischer, psychoanalytischer und philosophischer Neuerschein-ungen. Es entstanden umfangreiche Monographien. Hervorzuheben sei die Monographie über „Carl Gustav Carus, ein Vorläufer der Psychoanalyse“. Weiters: „Zeugung, Geburt und Tod“ (1930), wo er sich selbst Jung sehr nahe stehend begriff.

Er reiste häufig nach Deutschland, um mit Psychoanalytikern dort Kontakt aufzunehmen. 1929 verließ er die Schweiz und baute in Stuttgart als Existenz eine Praxis als behandelnder Psychologe auf. 1931-1933 zog er nach Berlin zur weiteren Ausbildung am Psychoanalytischen Institut. Er unterzog sich einer Lehranalyse bei Harnik, mit Kontrollanalyse bei Otto Fenichel und Kasuistik-Seminar bei Karen Horney und wurde Mitglied der Deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft. In München absolvierte er anschließend bei Jucy Heyer-Grote eine Jungsche Lehranalyse. Er kehrte damit nicht Freud den Rücken, sondern dies – so Graber – entsprang seinem Erweiterung- und Bereicherungsbedürfnis.

Seine Nähe zu Freud blieb der Gestapo nicht unbemerkt. Unter zunehmenden politischen Druck verließ er 1943 Deutschland und kehrte in die Schweiz zurück. Hier gründete er mit Ernst Blum den Berner Arbeitskreis und das Institut für Tiefenpsychologie, das er bis 1971 leitete. Dieser Kreis war für die verschiedensten Ansätze offen.

1971 kam es zur Gründung der Internationalen Studiengemeinschaft für pränatale Psychologie (ISPP später ISPPM, als noch Medizin dem Titel hinzugefügt wurde), wodurch die Pränatale Psychologie einen interdisziplinären Rahmen bekam.

Ab 1971 Graber zog sich nach Bern zurück. In den letzten Jahren seines Lebens ging er vielseitigen Tätigkeiten nach. Er revidierte noch selbst die Herausgabe seiner Gesammelten Schriften. In der Osternacht des Jahres 1982 starb er im Alter von 89 Jahren.


Vom „unbewussten vorgeburtlichen Selbst“ zum „bewussten Selbst“

Im Gegensatz zu Freuds psychosexueller Entwicklungsperspektive interessierte Graber der Verkörperungsweg der Seele. Dieser umfasse die vorgeburtliche seelische Entwicklung, die nachgeburtliche Ambivalenzbildung, die Stationen der entfremdenden Identifikationen und die psychotherapeutischen Möglichkeiten, diese wieder aufzulösen, um in den Zustand des „bewussten Selbst“ zu gelangen. Diesen Weg verfolgte er in klassisch psychoanalytischer Denkweise .

Neben diesem psychoanalytischen Denken und Symbolverständnis beobachten wir bei Graber noch ein anderes Denken und Erleben, das er mit seinem Wandlungserlebnis in Verbindung bringt. Dieses Denken wird deutlich, wenn er von der ursprünglichen Ganzheit der Seele spricht und deren Streben nach der Einheit (Graber, Bd.1. S. 169 f); aus diesem Denken und Erleben schöpfen - im Besonderen - seine literarischen Schriften. Hier wird ein Sendungsbewusstsein spürbar, das Erfahrene wieder- und weiterzugeben. Es sind anthropologisch-spirituelle Aussagen. Diese beiden gegensätzlichen Denk- und Erlebnisformen bleiben in seinem Hauptwerk „Ursprung, Zwiespalt und Einheit der Seele“ als auffallende Brüche stehen.

In Anlehnung an C.G. Carus (Graber, Bd. 3, 13f) geht Graber von der ursprünglichen Ganzheit der Seele aus, dem „unbewussten vorgeburtlichen Selbst“, das im Prozess der Selbstverwirklichung zum „bewussten Selbst“ werden soll. „Die Verwirklichung dieses Zieles bedingt (aber) vorausgehende Einsicht, Einsicht vor allem in die intrauterine Entwicklung, in die nachgeburtliche Strukturierung unseres Trieb- und Seelenlebens, in den Aufbau unserer Persönlichkeit, in das Ineinander und Gegeneinander von Ich und Selbst, in die unbewussten Beweggründe des Verhaltens, wie sie uns in unseren Träumen offenbar werden und schließlich in die Zielstrebigkeit der Gesundung im umfassenden Sinn einer Heilung und Wiedergeburt.“ (Graber, Bd.1, S. 28)

Für die hier notwendige „vorausgehende Einsicht“ in die intrauterine Entwicklung erarbeitete er ein Entwicklungskonzept vom Ursprung an. Er leitet von den Funktionen und Formen der biogenetischen Entwicklung analog Funktionen und Eigenarten des Psychischen ab: Das lebensverwirklichende Aufbauprogramm in der menschlichen Urzelle sei im höchsten Grade „seelisch“. (Graber, Bd, 1. S. 34) Alles was in der Zelle geschieht, erweise sich als höchst sinnvoll, programmiert, seelisch-energetisch gelenkt und setzte sich auch so fort.
Das eigentliche Selbst, die Seele der Seele, sei von Anfang an vorhanden:

„Unsere eigentliche und wahre Seele ist das unbewusste Selbst, nämlich das im Mutterleib mit dem Körper gewachsene, vorgeburtliche Unbewusste, das uns in seiner harmonischen Einheit bis ins höchste Alter, ja bis zum letzten Atemzug - und nach manch religiöser Vorstellung auch darüber hinaus - erhalten bleibt.
Meine Auffassung vom unbewussten Selbst ist also eine biologisch und empirisch begründete und unterscheidet sich grundlegend von allen anderen, die bisher in der Wissenschaft bekannt wurden. Entschließen wir uns, das unbewusste Selbst, das vorgeburtliche Unbewusste, also unser seelisches Zentrum, als die eigentliche Seele anzuerkennen, (…) finden (wir) auch den Schlüssel für das Verständnis des seelischen Verhaltens überhaupt: Aus diesem seelischen Zentrum strömen alle seelischen Kräfte sowohl in das Triebgeschehen wie in das unbewusste und bewusste Ich.
Sie erstreben letztlich nur eines: die Wiederherstellung der harmonischen Ganzheit des Seelischen, die mit der Geburt und der Bildung des Ich gestört wurde. Entsprechend dem Urdasein im Mutterleib, jenem »bedürfnislosen« Ruhen und Geborgensein im Fruchtwasser, erstrebt der Mensch im nachgeburtlichen Leben aus einem unbewussten Wiederholungszwang heraus, aus einer inneren Forderung, die Wiederherstellung dieser verlorenen Einheit, des verlorenen Paradieses - jetzt aber auf einer höheren Daseinsstufe der Bewusstheit, nämlich einem über das bloße Ich-Bewusstsein hinausgehenden Selbst-Bewusstsein.“ (Graber, Bd 3, S. 58)

Dieser Zielzustand sei nicht zu verstehen, wenn wir nicht den Seelengrund, die eigentliche Seele begreifen. Dieses Wissen habe unsere Kultur verloren.

Ambivalenz und Zwiespalt des Ichs

Graber sah im geburtstraumatischen Geschehen die Störung der vorgeburtlichen seelischen Einheit, wodurch nachgeburtlich erst das Ich, die Ambivalenz und die entfremdenden Identifikationen entstünden. Sie gelte es zu erkennen und aufzulösen, um zum „bewussten Selbst“ zu gelangen. Diese Überzeugung motivierte ihn, dem Weg der entfremdenden Identifikationen in sorgfältiger Weise nachzugehen.

Der psychische Zwiespalt ergebe sich erst für die nachgeburtliche Seele. Mit dem dramatischen Wandel der physischen und körperlichen Ökologie bei der Geburt (Geburtstrauma) entstehe eine Barriere zur vorgeburtlichen Ganzheit.
In Therapien sei die Symbolik der Geburt häufig. Hier könnten Traumen der physischen Geburt in die Wiederholung drängen. Noch häufiger seien solche Symbole aber das Wiedergeburtserlebnis einer seelischen Geburt: „Die Behandlung erweist sich also als eine Art Mutterleibssituation, als eine Wiederholung des intrauterinen Daseins und der darauf folgenden Geburt, so nämlich, als ob die eigentliche Geburt nicht zur Zufriedenheit des Individuums ausgefallen sei und nun endlich auch seelisch noch voll und ganz sich vollziehen müßte.“ (Graber. Bd.I S. 50)

Graber schließt daraus, daß sich die vorgeburtliche Ich-Organisation mit dem krassen ökologischen Wandel, der bei der Geburt stattfindet, nur schwer abfinden könne und Regressionstendenzen sich nach dem verlorenen pränatalen Dasein sehnten. Das gäbe dem Seelenleben ein neues Gepräge, für das der Geburtsakt wie auch das neue Dasein verantwortlich sei.
Das Erleben des Wechsels zweier völlig gegensätzlicher Lebensbedingungen sei „die tiefste Ursache zur Störung der Einheit des Seelenlebens und (führe) zur Bildung der Ambivalenz (Doppelwertigkeit). Die Gegensatzpaare Lust/Unlust, Subjekt/Objekt, Aktivität/Passivität sind von da an wirksam, und der ganze Fluß jeglichen Erlebens bekommt durch sie seine Richtung.“ (Graber, Bd.1. S. 52)
Das Ich werde gezwungen, eine Schutzhülle für den verlorenen Zustand aufzubauen. Es dränge sich der Gedanke auf, als ginge das Ich durch diesen Schutz mit der Außenwelt eine „imponierende Fiktion“ ein, „als ob es im Psychischen das frühere schützende »Außen«, den Mutterleib, ersetzen könnte.“ (Graber, Bd.1, S. 52)

Dadurch entstünde ein Grundcharakteristikum des Ichs. Dies äußert sich einerseits „im Begehren, Streben, Wollen des vorgeburtlichen Zustandes, eines Zustandes, wo nichts mehr begehrt, erstrebt, gewollt werden muß. Das bedeutet, daß das Ich das Ziel hat, sich selbst aufzuheben. Zugleich ist es aber auch bestrebt, sich selbst zu behaupten, zu stärken und dafür die neue Welt des leidvollen Daseins zu überwinden, sei es durch Bemächtigung oder Vernichtung.“ (Graber, Bd.1, S. 52)

In dieser Organisation, die von regressiven wie auch progressiven Strebungen charakterisiert ist, bildet „sich neben dem mutterverbundenen unbewussten Selbst, als der fortdauernden eigentlichen Seele, eine neue Seelenregion: das Ich, das wie als Schale den Seelenkern umgibt.“ (Graber, Bd.I. S. 55).


Körper-Selbst zwischen vorgeburtlicher Einheit und Selbstentfremdung

Die „selbst“-entfremdenden Identifizierungen beginnen schon bei der Körper-Ich-Bildung. Der im Vorgeburtlichen erlebte Körper sei eine Einheit mit dem psychischen Erleben gewesen. Er müsse nachgeburtlich erst wieder angeeignet werden. An diesem sei aber die vorgeburtliche Urverhaftung mit der Mutter gebunden. „Aber das Bestreben bleibt unerfüllbar. Ja, ein neues Trauma gesellt sich dazu: Der eigene Körper bietet sich nach der Geburt durch Unlustempfindungen als neues, abgelöstes und fremdartiges Objekt dar. Er scheidet aus dem vorherigen Einheits- oder Identitätserlebnis aus und muß mittels Identifizierung (Liebe) wieder »zu eigen« gemacht werden.“ (Graber, Bd.1, S. 98)
So komme es, „daß der Mensch schon früh von der großen tragischen Annahme ausgeht, alles mittelst der Identifizierungen ins Ich aufgenommene Fremde, der Außenwelt, als das eigentliche Seelische, also das Ichhafte, als das Wesentliche betrachtet und ihm verhaftet ist, während sein wahres Wesen tief verborgen im unbewussten Selbst ruht und nach der Befreiung strebt.“ (Graber, Bd.1, S. 100) Diese Selbst-Entfremdung setzte sich bei der Bildung der weiteren Ich-Differenzierung fort.

Es wird deutlich, wie wichtig es ist, die Entwicklung des Körper-Ichs als eine Ur-Identifizierung mit dem Körper, als ursprünglichster erlebter und bemächtigter, d.h. zu eigen gemachter Außenwelt, zu begreifen. Im Körper-Ich verdichten sich die pränatale Befindlichkeit wie auch der dafür nachgeburtliche geschaffene Kompromiss über die Identifikation mit der Außenwelt. Im Geburtstrauma selbst ist die physiologische wie auch die psychische Not präsent, die zu dieser Ersatzbildung führte. Das konstituiere das „Ich als Widersacher“ des Selbst (Graber, Bd. 3, S. 60).

Graber darf hier nicht missverstanden werden, als werte er wie östliche Traditionen das Ich allesamt ab. Er stellt nicht die Ich-Fähigkeiten infrage, sondern wo sich das Ich durch seine Fähigkeit zur Reflexion eine entfremdete Identität schafft. Dazu Graber (Bd 1, S. 27) „Der Mensch erliegt (dadurch) derart dauernd der tragischen Fiktion, das nachgeburtlich von der Außenwelt durch Identifizierung ins Ich aufgenommene Fremde als das eigentlich Seelische, d. h. das Ichhafte als das Wesentliche zu erleben, während das wahre Wesen im unbewussten Selbst auf Erweckung harrt.“ Erkannt und erlebt kann es nur von den Möglichkeiten meines Ichs werden, wie dies auch C.G. Jungs betont. Das „unbewußte Selbst“ wird in den psychischen Möglichkeiten erlebbar und bewusst: der Zustand des „bewussten Selbst“.


Streben nach der Einheit der bewussten Seele“ (Graber, Bd.1. S. 169f),

Im letzten Abschnitt von „Ursprung, Zwiespalt und Einheit der Seele“ wird die Aufhebung der Ambivalenz, die Erlösung und die Einheit im bewussten Selbst beschrieben. „Sind die ambivalenten Ich-Kräfte wieder mit dem Urquell, dem unbewussten Selbst, als dem wahren seelischen Kraftzentrum verbunden, dann geschieht das Wunder der großen Befreiung, der Aufhebung des Ichs, und es erwacht das Leben der einheitlichen Kraftströmung aus dem bewussten Selbst.“(Graber, Bd.1. S. 171)

Das nachgeburtliche Ich - wie immer es dem Selbst entfremdet sein mag - es speist seine Kraft aus ihm. Unbewusste Anteile im Ich, die – noch - die Botschaften aus dem Selbst empfangen können, sabotieren die „Ich-Identität“ auf vielerlei Weise. Graber (Bd.I, S. 175): Ob es wissen oder nicht, und ob wir uns spöttisch lächelnd abwenden: Wir sind alle fortwährend auf dem Wege zum bewussten Selbst. Das wandelbare Ich, dieses unserem wahren Wesen aufgesetzte Fremde, diese Maja, die wir uns von außen aneigneten, wird zwar immerzu vom Selbst angesogen, aber das Ich dreht und windet sich dauernd in Abwehr und äffischer Nachahmung. Es will seine Existenz nicht preisgeben. Ja, uns will scheinen, daß der Mensch - besonders der westliche - mehr noch auf der Flucht vor seinem Selbst ist als auf der Suche nach ihm.“
Wer aber vom einfältigen, krampfhaften »immer strebend sich Bemühen« aus dem Ich-Bewusstsein zum unbewussten Selbst, dem Urquell seines Wesens findet, der wird das Labsal des tausendfältigen und mühelosen Wirkens und Gelingens aus dem wahren Selbst-Bewusstsein erleben. Der Befreite ist seines Selbstes bewusst. Er ist aus der Hülle und Zwiespältigkeit seines Ichs wiedergeboren in sein ureigenes, sein wahres Wesen. Die Einheit der Seele wird ihm zum großen Erlebnis der Selbst-Verwirklichung“ (Graber, Bd.I. S. 177)

Während des ganzen individuellen nachgeburtlichen Lebens bleibe das intrauterine Unbewusste, das „unbewusste Selbst“, als innere Erinnerung, die wie eine Quelle uns labe; dies auch durch die errichteten Ich-Barrieren hindurch. Das Ziel höchster Selbstverwirklichung sei nur möglich, wenn die Verbindung zum unbewussten Selbst wieder hergestellt wird. Dies bedeutet aber die psychische Überwindung der Geburts- und Todesangst. Und dazu scheint der Mensch in Not kommen zu müssen, daß er diese zuzulassen beginnt.

Graber entging nicht, daß er mit seiner Rückblendung auf den Ursprung des vorgeburtlichen Lebens und das Geburtstrauma immer wieder schockartige Wirkungen auslöste. Er meinte, daß mit dieser Perspektive die Psychoanalyse nochmals zu entdecken sei und dabei noch heftigere Widerstände zu erwarten seien. Es gehe nicht nur, das Wirken und die Dynamik des Unbewussten in der nachgeburtlichen Persönlichkeitsentwicklung aufzuzeigen, sondern um die Anerkennung der großen Bedeutsamkeit jener Urerfahrung des Lebens, des Intrauterindaseins und des Traumas der Geburt – Urerfahrungen, die jeder mache. (vgl. Graber, Bd. 1, S. 180)


Konsequenzen für die Psychotherapie

Es gehöre – so Graber - zum zentralen therapeutischen Geschehen, um diese Vorgänge in der Ich-Bildung zu wissen und die Identifikationen zu erkennen, um die Ich-Widerstände zu überwinden, die sich dem günstigen Ablauf der Behandlung entgegenstellen.
Im Behandlungsverlauf können die verschiedenen Entwicklungs- oder Verwandlungsphasen wieder zurückverfolgt werden wie z.B.: „Rückzug und Abkehr vom Ich als dem Niederschlag introjizierter Eltern und anderer Objekte, neue Zielsetzung in der Wandlung zum Eigenen, zum Selbst, dann der Widersacher, als Ich-Abwehr erkenntlich, ferner die schwere Aufgabe in der Überwindung des Ich-Widerstandes, dann Harmonisierung vom Selbst aus und schließlich ein neues Verbinden mit der Außenwelt, in die nun nicht mehr nur die introjizierten Objekte projiziert und damit stets auch draußen in derselben ewigen Wiederkehr erlebt werden, sondern mit einer neuen Außenwelt, die nun urtümlich, gleichsam auch aus ihrem Welt-Selbst, erlebt werden kann. So verstehen wir, daß, wenn das unbewusste 'Selbst in uns erwacht, damit auch die Projektion des Ichs in die Außenwelt aufhört, und folglich auch die Welt als Selbst, als identisch, erlebt werden kann.“ Graber, Bd.1, S. 149)

Die Auflösung entfremdender Identifikationen erfordert eine Strukturlockerung. Regressionsfördernde Methoden können dazu Hilfen sein. In Lebenskrisen wird diese erzwungen. Aber – so mahnt Graber - Erlösung kann nie durch Regression allein erreicht werden (vlg. Graber, Bd. 1, S. 177). Nur mit der Überwindung der unbewussten Urwiderstände könne man in die seelischen Tiefen absteigen, „wo sich die Schranken des Ichs aufzulösen beginnen und wo das Undifferenziert-Chaotische entsteht, aus dem - im Glücksfall - das Wesen, das Leben im bewussten Selbst, erwacht. (Graber, Bd.I. S. 29)


Erkenntnisse für die Transpersonale Psychologie und Psychotherapie

Von den Definitionen her legt die Transpersonale Psychologie ihr Augenmerk auf die Erforschung der Modi, Zugänge und Erfahrungen von bewusstseinserweiterten Zuständen. Ihr Ziel ist eine „Psychologie des Bewusstseins“. Und dies, was die Erkenntnisseite wie auch die damit verbundenen realitätsverändernde Wirksamkeit betrifft.

Ansätze der Transpersonale Psychotherapie erwarten mit der Annäherung an das Selbst eine heilende Kraft aus dem Inneren (Voughan, 1993) die Verwirklichung des Menschen, wie es im „eigentlichen Selbst“ angelegt ist.

Graber verfolgt beide Ziele. Für erstere fordert er eine Psychologie, die vom Ursprung her denkt und die Realität der Seele anerkennt (Graber, Bd. 1, S. 63). Die bewusstseinserweiternde Möglichkeit ergäbe sich, wenn die Selbstentfremdungen erkannt und wieder aufgelöst werden können.

In diesem Zusammenhang verweist er auf die Gefahren, die mit der Lockerung von entfremdenden Identifikationen verbunden sind. Dies setze eine psychische Stabilität wie aber auch Regressionsfähigkeit voraus. „Psychisch stabil“ bedeutet hier, in sich so gefestigt zu sein, um die nachgeburtlichen Ichbildungen soweit sich auflösen zu lassen, um von der Kraftströmung aus dem eigentlichen (vorgeburtlichen) Selbst getragen zu werden. Für das nachgeburtliche Ich können das Todeserfahrungen sein, das Erleben der eigenen psychischen Auflösung.

Solche Phänomene sind auf dem „Weg zum Selbst“ bekannt. Anwärter für Schamanen gehen durch Nahtoderfahrungen, bevor sie ihre seherischen Fähigkeiten erwerben. Auch bei Mystikern wird auf ähnliche Erfahrungen verwiesen. N.D.Walsch (1997) oder E. Tolle (2004) u. a. beschreiben seelische Krisenzustände, ehe sie in die Bewusstseinserweiterung bzw. „Jetzt“-Erfahrung kamen.

Grabers Sichtweise läßt den gemeinsamen Nenner solcher Zustände erkennen. Werden „selbst“-entfremdende Ich-Schichten durch gezielte „Wege zum Selbst“ oder durch existentiellen Lebenskrisen überwunden, kann ein Jetzt-Bewusstsein als gesamt psychisch-körperliches Erleben erfahren werden.
Wenn solche Zustände dem Ziel des Strebens aus unserem eigentlichen Selbst entsprechen, wäre es verständlich, daß von „Rufern“ wie Walsch, Tolle u.a. eine Anziehung ausgehen. Der „Ruf aus dem eigenem inneren Selbst“ könnte damit in Resonanz kommen und eine Wehmut spürbar werden lassen, ein anderes Ufer zu erahnen, aber selbst – ohne entsprechende Begleitung – keinen Weg dorthin sehen zu können.
Es wird aber auch verstehbar, warum die Anleitungen, die in solchen Büchern gegeben werden, nur ein bescheidener Erfolg beschieden sein kann. Die „erleuchtende Krise“ kam für die „Auserwählten“ selbst überraschend. Post festum schöpfen sie aus einem erweiterten Bewusstsein, können aber selbst nicht nachvollziehen, wie sie in diesen Zustand kamen.

Grabers Konzept geht über die Anliegen der Transpersonalen Psychologie hinaus. Ziel der Entwicklung sei ein qualitativ veränderter Bewusstseinszustand, der aus der Dialektik von Wissen aus dem inneren Selbst und Ichbewusstsein hervorgeht, ein „bewusstseins-erleuchtetes Selbst“. (Graber, Bd. 1. S. 184) Dieses speist sich energetisch aus dem Selbst und schafft ein dem Ichbewusstsein fremdes ganzheitliches Erleben und Erkennen. Dies ist das Ziel der verschiedenen Ansätze der Transpersonalen Psychotherapie.

Wissen um dieses Ziel, bedeutet noch nicht, dieses Ziel auch verkörpert leben zu können. Auch nicht, wenn die „einheitliche Kraftströmung aus dem bewussten Selbst“ überwältigend erfahren wird. Diese Zustände können meist nur kurz gehalten und im Zusammenhang mit meditativen Zuständen erfahren werden.

Graber erlebte den „Kraftstrom“, der von der Ganzheit der Seele in das Leben hinein strahlt. Sein Problem war, dieses Wissen und Erleben im Leben und vor allem in konkreten Beziehungen nicht verankern zu können. Er suchte es zuerst in einem Du, ersetzte es dann aber mit dem „bewussten Selbst“ (Eichenberger, 2005).
Er suchte danach wie ein Süchtiger. Er spürte ein Drängen zum Gipfel hin, dessen Licht ihn erfüllte. Sein Vorwort zu den Literarischen Schriften schließt er: „Oh! Wie ich ihn liebte und wie ich ihn fürchtete, diesen Gipfel! Wie ich mich sehnte, ewig oben zu stehen! Ach, so sehr, daß das brennende Denken an dieses nahe Ruhen im vollendeten Sein, mich den großen Narren, schmolz, daß ich (…) den langen, mühsamen Weg noch einmal zu gehen, noch einmal die ganze Lust des Überwindens von Leiden zu genießen. Mein Schaffen war Freude, war stilles Besinnen, war Bekennen, Bewusstwerden, wachen in göttlicher Kraft, war und blieb Weg zum Gipfel.“ ( Graber, Bd.4, S. 9-10)

Die Probleme, mit denen Graber rang, sind in der Transpersonalen Psychotherapie bekannt. Es geht darum, das Wissen aus dem eigentlichen Selbst zu „inkarnieren“. Dazu braucht es eine entsprechende Begleitung, die um das Selbst weiß und das bewusste Selbst lebt. Diese Begleitung sollte erkennen, welche Widerstände auf dem Weg zum Selbst inszeniert werden und das Streben nach dem „bewusste Selbst“ sabotieren.
Eine solche Begleitung hatte Graber nicht; und dies können auch die „Rufer der esoterischen Szene“ kaum sein. Östliche Traditionen wissen um das Gut von „Lienienhalter“. Es sind Weise, die ihr Erleben und Erkennen aus dem eigentlichen Selbst schöpfen und damit andere in den Zustand des „bewussten Selbst“ begleiten können .

Spiritualität als Vermeidung von Beziehung

Spirituelle Zustände können auch Fluchtbewegungen sein. In der Traumatherapie können wir beobachten, dass die Grundstörungsebene oft übersprungen und noch davor liegende „heile Welten“ aufgesucht werden. Charakterisiert sind diese durch Einserfahrung und Rettungsvorstellungen (Steiner, 1993; Hochauf, 2004). Solche Zustände können auch von Bewusstseinserweiterungen begleitet sein. Die Spiritualität wäre hier eine Abspaltungsposition und ist meist begleitet von einem Rückzug aus der mitmenschlichen Umwelt.

Im Bindungskonzept von Jakel (2004) werden erweiterte Bewusstseinszustände in solchen Positionen verstehbar. Diese können sich aus einer Rückbindung zum „essentiellen Selbst“ speisen. Jakel geht vom „bipolaren Selbst“ aus. Eine gelungene Selbst-Verkörperung wurzle in einer essentiellen (auf das eigentliche Selbst bezogene) und interpersonellen Rückbindung. Missglückt die interpersonelle Bindung, ist das Individuum gezwungen, Überlebensstrategien durch „selbst“-entfremdende Anpassung an die mitmenschliche Umwelt zu entwickeln (im Sinne Laing „falscher Selbstsysteme“). Es bleibt auf sein essentielles Selbst rückgebunden. Ein solches Individuum kann ein Wissen um sein eigentliches Selbst bewahren und seine Kraft zum Überleben daraus beziehen. Er hat - möglicherweise - auch ein erstaunliches Wissen um Ursprung und Ziel seines Daseins. Es lebt dieses aber nicht inkarniert, bringt es nicht in eine Ich-Du-Beziehung.
In der mystischen Tradition weiß man um diese Fallen. In der Transpersonalen Psychotherapie bzw. in der esoterischen Bewegung sollte diesem Aspekt noch mehr Augenmerk geschenkt werden.

Individueller und kollektiver Weg zum „bewussten Selbst“

Auf dem Weg vom „vorgeburtlichen unbewussten Selbst“ über die Auflösung des „selbst“-entfremdenden Ichs zum „bewussten Selbst“ sind zwei Extreme zu überwinden, die sich als Hemmnisse einstellen können, wenn ein Pol dominant ist.
Wir finden die beiden Extreme auch als kollektive Ausformung einerseits in der Introversionslastigkeit des Ostens, die im Selbst aufgehen möchte und das Ich infrage stellt; und die Extroversionslastigkeit des Westens, die die Möglichkeiten des Ichs überbewertet und ihren Ursprung aus den Augen verloren hat.

Wie sich das „Ich als Widersacher zum Selbst“ im Individuellen gebärdet, so erleben wir es kollektiv beängstigendend in irrationalen Formen westlichen Leistungsdenkens und Fortschrittsglaubens. Evolutionsbiologisch gesehen ist die Entwicklung des Ichs ein noch „junges Experiment“ der Evolution (Crisan, 2005), dessen Ausgang noch nicht absehbar ist. Im Moment ist es dabei, seinen eigenen Biotop zu zerstören. Der Zulauf, den östliche Erlösungslehren heute verzeichnen, könnte bedeuten, dass wir uns intuitiv anbetracht dieser Bedrohung auf dem kollektiven Individuationsweg von dort Entwicklungsbegleitung holen.

Auch das risikoreiche Experiment der Evolution mit diesem noch jungen Ich ist eingebettet im kollektiven Weg zum „bewussten Selbst“. Einer Rückbesinnung auf das Entwicklungswissen introvertierter Kulturen könnte Überlebenswert zukommen. Wir dürfen uns kollektiv von derselben weisen Basis begleitet wissen, aus dem der einzelne auf seinem Weg zum „bewussten Selbst“ seine Lenkung und Kraft bezieht.

Literatur:

Crisan, H. (2005). Graber Reloaded. Zum evolutionsbiologischen Sinn einer pränatalpsychologischen Teleologie. In Reiter, A. (Hrsg.), Vorgeburtliche Wurzeln der Individuation. Heidelberg Mattes Verlag.
Dürkheim, K.-F. (1951). Im Zeichen der großen Erfahrung. München: Otto-Wilhelm-Barth-Verlag. Im Erscheinen.
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