Gustav Hans Graber

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Gustav Hans Graber ist ein Pionier der Pränatalen Psychologie. Durch die Verflechtung seines Denkens von biologisch-genetischem, psychologischem und philosophischem Perspektiven blieb seine Forschung lange Zeit unbeachtet. Die Pränatale Psychologie etablierte sich als Wissenschaft erst mit einer naturwissenschaftlcher Methodik. Daraus liegen uns nun revolutionäre Befunde vor.

Ein allgemein zunehmendes Interesse an einer integrativen Sichtweise läßt uns heute die Verbindungen von vor- und nachgeburlticher Zeit sowie von körperlichen, psychischen und ontologischer Ebene unseres Menschseins neu sehen. Gustav H. Graber steht für so ein Denken. Die Zeit ist reif geworden, seine Forschung wiederzuentdecken und sie neu zu bewerten.

Die Ganzheit der Seele könne - so Graber - nur begriffen werden, wenn man die körperliche und psychische Entwicklung von Anfang an kenne. Sie entfalte sich vom Ursprung an körperanalog. Dieser Entwicklungsweg ist gleichzeitig der Realisationsrahmen für die Individuation, der Selbstwerdung. Ziel dieser sei es, das "vorgeburtliche unbewußte Selbst" in die Bewusstheit ("bewussten Selbst") zu bringen. Gemeint hier ist das Selbst als verkörpertes Sein im Sinne Jungs, bzw. der vedantischen oder der buddhistischen Tradition.

In der Lehranalyse bei Dr. E. Schneider (1916/17) erfuhr Graber eine tiefgreifende Wandlung. Es wurde ihm ein Quell schöpferischer Ideen geöffnet, der zeitlebens nicht versiegte. Diese habe auch zur Folge gehabt, daß er sich fortan der Psychoanalyse verbunden fühlte (Vorwort). Aus dieser Erfahrung heraus kam er zur Ansicht, dass die psychoanalytische Methode in Verbidnung mit einem ganzheitlichen Denken für den westlich sozialisierten Menschen ein gangbarer Weg zur "Selbstwerdung" sei. In der Analyse könnten Selbstentfremdung (prä und perinatale Traumata, Ambivalenz, Ich-Sozialisation) aufgehoben und damit der Individuationsprozeß unterstützt werden.

In seine Forschung erweitert er in origineller Weise den Ansatz Freuds. Er hinterfragt die vorgeburtlichen Positionen, auf der die nachgeburtliche Ambivalenz aufbaue. Er ergänzt aber auch das Konzept C.G. Jungs, indem er für die vorgeburtlichen Verkörperungsweg der Seele eine entsprechende Entwicklungspsychologie erarbeitet.

Gustav H.Graber verfügte - wie Freud - über ein klares analysierendes Denken; ebenso aber auch - wie C.G. Jung - über eine tiefschürfende Intuition. In dieser Kombination vermochte er zu wichtigen Themen des Menschseins vorzustoßen. Erwähnt dazu seien seine Beiträge zur "Ganzheit der Seele", zur Psychologie des Mannes und der Frau (Band II) und zur Psychologie der Selbstverwirklichung (Band 1 und 3); und - nicht zu vergessen - seine "Literarische Schriften" im Band 4.

Grabers Werk ist aber auch mit kritischem Blick zu betrachten. Die sich laufend erweiternden Erkenntnisse in der pränatalen Psychologie, daß bereits eine vorgeburtliche Ichentwicklung und psychische Traumatisierung angenommen werden kann, veranlaßten ihn nicht, seine Annahmen zum Trauma der Geburt differenzierter zu betrachten. Nämlich einerseits, daß mit der Geburt ein radikaler Wandel in der physiologischen und ökologischen Daseinsweise geschieht, aber auch, daß der Verkörperungsweg der "eigentlichen Seele" schon vorgeburtlich gestört werden kann. Daß er diese Notwendigkeit selbst sah, zeigt er im III. Band, wo er zum Nirwanaprinzip Stellung nimmt.
"Unlustreaktionen des Fetus sind, wie erwähnt, genügsam empirisch registriert worden. Diejenigen der Lust müssen wir folgerichtig als ein Erlebnis des Verschwundenseins der Unlust annehmen. Ist das Lusterlebnis also bereits im fetalen Erleben ein Reaktionsphänomen? Dementsprechend würde meine frühere, aus Träumen gewonnene und als dem Nirwana-Prinzip zugehörige Konzeption einer Totalregression ins pränatale Dasein eingeschränkt, nur mehr für die empryonische Phase als glütig erscheinen. Lust- und Realitätsprinzip werden bereits beim Fetus antizipiert." (Graber, 1977, S. 190, Bd III)

Die Konsequenzen aus dieser Erkenntnis arbeitete Graber nicht mehr in sein Werk ein. Es ist aber offen für die daraus resultierenden Modifikationen. Es ergibt sich einmal die Frage, wie sich eine pränatale psychische Traumatisierung auf die Umbrüche bei der Geburt zusätzlich auswirken und weiters, welche Folgen dies für den schon vorgeburtlichen Verkörperungsweg des " Selbst" haben kann.
Graber wich dieser Frage aus, wie sich der Verkörperungsweg des "vorgeburtlichen unbewußten Selbst" entfaltet. In "Ursprung, Zwiespalt und Einheit der Seele" widmet er sich in den ersten Seiten ausführlich diesem Selbst, setzt mit der biogenetischen Betrachtung der Entwicklung der Seele fort und schließt erst im Abschnit D (Das Streben nach der Einheit der bewußten Seele) wieder an den ersten Teil mit der Frage an, wie das "unbewußte vorgeburtliche Selbst" nun - in der Selbstverwirklichung - zum "bewußten Selbst" werden kann.

Es ist u.a. das Ziel des Symposiums, diese notwendigen Ergänzungen in seinem Werk vorzunehmen. In mehreren Vorträgen wird auf die vorgeburtliche psychische Traumatisierung, deren Folgen und Möglichkeiten der Therapie eingegangen werden.

Graber war mit vielen seiner Aussagen der Zeit voraus. Wichtige davon sind auch heute noch nicht überholt wie die Forderung nach einer "Kernpsycholgoie" (psychische Entwicklung vom Ursprung an) und - besonders - seine Aussagen zur "Ganzheit der Seele" mit dem Ziel der "Selbstwerdung". Sein Werk mahnt zu einer integrativen Sicht der verschiedensten Bilder vom Menschen.