Biographische Daten

 

Dr. phil. Gustav Hans Graber

1893 - 1982

 

Psychoanalytiker,

Psychologe, Psychotherapeut

und Forscher in Bern

 

Gustav Hans Graber ist 1893 [1] im bernischen Seeland geboren und dort aufgewachsen. Sein Vater war Lehrer und starb früh, seine Mutter stammte ursprünglich aus Süddeutschland. Durch den damaligen Direktor des Kantonal-bernischen Lehrerseminars, Dr. Ernst Schneider [2] kam Graber als Seminarist des Oberseminars mit der Psychoanalyse in Berührung und machte bei Schneider 1916/17 seine erste Analyse. Jahrelang war Graber als Lehrer tätig. Er erwarb das Sekundarlehrer Diplom und studierte in Bern Psychologie. 1924 legte er die wahrscheinlich erste Freud`sche Dissertation an einer europäischen, sicher aber an einer schweizerischen Universität über "die Ambivalenz des Kindes"[3] vor, wo er sich mit dem Geburtstrauma als Ursache der Ambivalenz befasst[4]. Sein Konzept stützte sich sehr stark auf die Erfahrungen, die er als Kinderpsychoanalytiker gesammelt hatte.

1929 emigrierte er nach Stuttgart, wo er eine psychoanalytische Praxis aufbaute. 1931 bis 1932 setzte er seine Studien am Berliner Institut für Psychoanalyse fort und wurde Mitglied der deutschen Psychoanalytischen Gesellschaft und damit der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung. Nach seiner Rückkehr nach Stuttgart gründete er die Gruppe der Süddeutschen Psychoanalytiker und wirkte von 1941 bis 1943 am Stuttgarter Institut "für psychologische Forschung und Psychotherapie".[5]

1943 kehrte er, mit dem Makel und mit den Erfahrungen des (zu) lange Gebliebenen und Heimgekehrten behaftet, wieder in die Schweiz zurück und praktizierte in Bern. Kurz darauf gründete er zusammen mit Prof. Ernst Blum den Berner Arbeitskreis für Tiefenpsychologie und das Institut für Tiefenpsychologie, die er bis 1970 leitete. Eine recht grosse Zahl der damals jungen und älteren Psychiater unserer Stadt besuchte die monatlichen Vorträge, gehalten durch Teilnehmende oder geladene Referenten, und die Kongresse, die gemeinsam mit dem Innsbrucker Arbeitskreis veranstaltet wurden.

Es war eine gemischte Teilnehmerschaft, wo Freudianer mit Jungianern und Psychiater mit Psychologen und andern Fachleuten um den gleichen Tisch sassen. Erwähnenswert ist aus dieser Zeit ferner die Zeitschrift "Der Psychologe", die Graber in den Jahren 1949 - 1964 zusammen mit Ernst Blum herausgab, und an der sich an die 50 namhafte Fachleute beteiligten. Neben eher populären Beiträgen stellt die Zeitschrift eine Fundgrube für kleine psychoanalytische und kulturelle Beiträge dar, die noch heute lesenswert sind.

1971 war Graber massgeblich an der Gründung der Internationalen Studiengemeinschaft für pränatale Psychologie [6] in Wien beteiligt und wurde deren erster Vorsitzender. Unter den wenigen Gründungsmitgliedern waren drei spätere Professoren des Instituts für Psychologie der Universität Salzburg (Caruso, Simon und Schindler). Die Studiengemeinschaft hatte zum Ziel, in interdisziplinärem Rahmen, aber immer auch stark ausgehend vom psychoanalytischen Ansatz, Wissen über die pränatale Entwicklung und die Geburt des Menschen und dessen Umsetzung zusammen zu tragen und zu diskutieren. Vor 30 Jahren wurde dies entsprechend dem damals aktuellen Wissensstand von weiten Kreisen als abstruses, exotisches Unterfangen abgetan, während heute die Pränatalforschung in der Wissenschaft, der Medizin und im alltäglichen Bewusstsein ihren festen Platz gefunden hat [7]. Auch ist heute ein interdisziplinäres Denken allgemein vertrauter als vor 30 Jahren.

Graber sah sich in hohem Masse als Psychoanalytiker. Er war ein hervorragender Kenner und Interpret der Freud`schen Schriften und der historischen Freud Forschung. Es ging ihm aber natürlich nicht nur um die reine Lehre. Als kreativer Mensch schien es ihm erlaubt, weiter zu denken [8]. Er sah sich nicht als Reformer oder Weltverbesserer. Graber hat unter Fachkollegen, wenn gleich nicht unangefochten, Grundlagen zu beruflichen Kontakten und zur Weiterbildung geschaffen, wie es einem Menschen gelingen kann, der von einer Idee durchdrungen und zugleich aufgeschlossen ist und einen weiten kulturellen und menschlichen Horizont besitzt. Er war ebenso wissenschaftlich wie literarisch interessiert. In seinen Kursen, Vorträgen und seinen Schriften, die eine weite Verbreitung fanden, zeigte sich sein sprachliches und erzieherisches Talent. Er benützte kaum Fachausdrücke und hatte vor allem auch in seinen Analysen eine einfache, das Wesentliche vermittelnde Sprache. Er war bekannterweise wie viele unserer Kolleginnen und Kollegen ein komplizierter Mensch mit einem bewegten Lebenslauf, der hart und unermüdlich arbeitete und dabei nie seine Freude am Beruf, nie seine Neugier und sein ehrliches Staunen über Eigenarten seiner Mitmenschen einbüsste. Er war freilich hin und her gerissen zwischen seinem vielseitigen Streben nach Anerkennung und Kontakt, (was ihm den Ruf der Umtriebigkeit und immer wieder Schwierigkeiten wahrscheinlich mehr persönlicher als fachlicher Art eintrug) und seinem Bedürfnis nach Verinnerlichung und Erlösung. [9]

Nach 1971 zog er sich in Bern zurück, und konnte, neben seinem Wirken in der Internationalen Studiengemeinschaft für pränatale Psychologie, in einem kleinen Kreis eine vielseitige Tätigkeit als Schriftsteller und Lehrer entfalten und bis in die letzten Lebenswochen vieles von den Erfahrungen und Gedanken seines langen Lebens weitergeben. Er starb in der Osternacht des Jahres 1982 im Alter von 89 Jahren.

E. Eichenberger, Bern


[1] gleicher Jahrgang wie sein Seminarkollege, der spätere Kinderpsychoanalytiker Hans Zulliger, 1893 - 1965

[2] s. Kaspar Weber, "Es geht ein mächtiges Sehnen durch unsere Zeit", Reformbestrebungen der Jahrhundertwende und Rezeption der Psychoanalyse am Beispiel der Biografie von Ernst Schneider 1878-1957, Peter Lang 1999

[3] neu erschienen später unter dem Titel "Ursprung, Einheit und Zwiespalt der Seele"

[4] Im gleichen Jahr, aber unabhängig davon erschien das in der Thematik verwandte Buch von Otto Rank "Das Trauma der Geburt".

[5] Es handelte sich um die Stuttgarter Zweigstelle des durch den Psychiater M.H. Göring geleiteten Berliner Instituts, in dem aber die Freud`schen Psychoanalytiker als "Arbeitsgruppe A" getarnt, in beschränktem Maß weiterhin psychoanalytische Gesichtspunkte vertreten konnten.

[6] Heute immer noch existierend als Internationale Studiengemeinschaft für prä- und perinatale Psychologie und Medizin mit Sitz in Stockholm und Heidelberg (Dr. Ludwig Janus)

[7] Die Themen der regelmäßig stattfindenden Tagungen umfassten z.B.: Naturwissenschaftliche Grundlagen, Anfänge der Erfahrensbildung, Neuroseverhütung von der Zeugung an, Erforschung vorgeburtlicher Wahrnehmungen und Empfindungen, Aspekte und Praxis der Pränatalen Psychologie und Psychotherapie, Peri- und pränatale Traumdeutung. Anthropologische, medizinische und psychologische Aspekte der Situation des Kindes vor, während und unmittelbar nach der Geburt usw.

[8] vgl. auch Artikel im "Bund" "Eine Methode revolutioniert die Gesellschaft" von Alexander Wildbolz; 12.Dez.. 1996. 147.Jahrgang Nr.291

[9] seine gesammelten Schriften erschienen 1975 bis 1978 im Wilhelm Goldmann Verlag München